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Zeit für was Neues – mein Blogprojekt „Sommerdiebe“

25. September 2011

Hallo liebe Leser,

langsam, aber sicher beginnt mein Abschied von Marburg und von meiner tollen Studentenzeit, die ich hier drei Jahre lang verlebt habe. Somit wird es auch langsam Zeit, dieses Blogprojekt enden zu lassen – mit Wehmut. Denn mir hat es sehr viel Spaß gemacht, über all die spannenden Begebenheiten meines Studentenlebens, über Marburger Kuriositäten und kulturelle Highlights zu berichten. Aber alles hat halt irgendwann ein Ende. Und eines muss ich noch sagen: Ihr wart tolle Leser! Ich hab mich immer wieder über eure Resonanz und eure netten Kommentare gefreut.

Dass es ohne Bloggen so gar nicht geht, wusste ich schon eine Weile.. aber jetzt habe ich Nägeln mit Köpfen gemacht – und ein neues Blogprojekt gestartet. Im „Sommerdiebe“-Blog möchte ich mich, wie bisher eigentlich auch, vor allem kulturellen Themen widmen. Somit wird es sicher die eine oder andere Kino- und Buchrezension zu lesen geben. Da ich außerdem weiterhin sehr gerne fotografiere, werde ich bestimmt auch wieder von meinen Fotoausflügen Anschauungsmaterial mitbringen und online stellen. Da das Leben außerdem bekanntlich ja die schönsten Geschichten schreibt, wird bestimmt auch die eine oder andere alltägliche Begebenheit in meinem Blog erzählt werden.

So, ich hoffe ihr bleibt mir treu und besucht mich auch in meinem neuen Blog. Hier nochmal die Adresse: sommerdiebe.wordpress.com

Viele liebe Grüße und vielen Dank dafür, dass ihr meine Leser wart (und hoffentlich weiterhin seid!)

Eure Deborah, Bachelor of Arts. (höhö..ja, das musste sein ;))

10 Dinge, die ich an Marburg liebe*

20. September 2011

*Jaja, irgendwann wird man dann halt doch ein bisschen sentimental! Auf vielfachen Wunsch kommt hier also meine Liste der Dinge, die in Marburg vielleicht doch ganz schön waren.


Wehrdaer Dorfidylle – kann auch mal schön sein.

1. Die Ruhe – manchmal zumindest. Denn was ich an Verkehrslärm von meiner Heimat Berlin gewohnt war, war schon ein ziemliches Kontrastprogramm zum ruhigen Marburger Stadtteil, in dem man selbst tagsüber sehr selten mal ein Auto vorbeifahren hört. Einfach mal nichts hören: auf jeden Fall ein schönes Erlebnis. Wenn die LKWs und Busse auf der 4-spurigen Fahrbahn vor meinem Berliner Haus vorbeibrettern…ja, ab und an hab ich mich da schon nach meinem idyllischen Wehrda gesehnt…

2. Der obligatorische Kaffee in der Mensa – gehört einfach essentiell zum Studentenleben dazu. Egal, ob man sich zwischen zwei Vorlesungen die Zeit vertreiben wollte oder nach einer wenig gelungenen Hausarbeit einfach mal ausheulen wollte, ein richtiger Mensakaffee gehörte einfach immer dazu! Bei einem guten Gespräch mit einer weißen Mensatasse in der Hand war plötzlich alles nur noch halb so schlimm. „Gehen wir noch ‘nen Kaffee trinken?“ wurde im Laufe der Zeit regelrecht zu einer rhetorischen Frage.
Ich will wirklich nicht wissen, wie viel Liter Kaffee und wie viele Mensa-Kuchenstücke (bevorzugt den mit Himbeer…mjam!) ich im Laufe der letzten 6 Semester genossen habe. Wahrscheinlich würde eine ganz unglaubliche Zahl herauskommen 😉 Auch über die vermutlich sehr hohe Stundenzahl, die ich im Bistro verbracht habe, denke ich jetzt lieber nicht länger nach (jaja, blödes Klischee: Literaturstudenten trinken dauernd Kaffee und unterhalten sich dabei über Bücher… trifft in diesem Fall wohl..zu!)
Ja, diese Tradition werde ich ganz schön vermissen…auch wenn ich mir über die nicht ganz so grandiose Qualität des Mensakaffees natürlich völlig bewusst bin! Wenn ich dann in Berlin (oder wo auch immer ich irgendwann mal lande) in irgendeinem anderen Unibistro Kaffee trinken werde, werde ich mich auf jeden Fall mit einem sehnsüchtigen Gedanken an die Marburger Kaffeetradition erinnern, so schön war’s. Schnief.

3. Die vielen Parks, Wiesen und Wälder (Lahnwiese, Afföllerwiese, Alter Botanischer Garten, das Wehrdaer Wäldchen) – Marburg ist grün! Eine Sache, die mir an der Stadt sehr gefallen hat. Wenn das Wetter schön war, gab es unzählige grüne Fleckchen Erde, auf denen man es sich gemütlich machen, lesen, picknicken, grillen, feiern, Filmriss-Programme planen oder einfach nur entspannen konnte. Hat nicht jede Stadt. Marburg macht das sehr lebenswert 🙂

4. Man kennt sich. In dieser Liste mal völlig positiv gemeint. Denn natürlich ist es auch schön, wenn man Leute auf der Straße mehrmals sieht und vielleicht die Chance hat, einen sympathischen Menschen, den man mal irgendwo kennengelernt hat, nochmal wieder zu sehen. Denn in einer kleineren Stadt wie Marburg ist es viel schwieriger sich wieder aus den Augen zu verlieren! Die Welt ist klein…in Marburg ist sie besonders klein! (und das meine ich jetzt wirklich im positiven Sinne!)

5. Die studentische Kneipenszene – auch hier verbringt man als Student einen beträchtlichen Teil der Abende. Lag aber auch teilweise einfach daran, dass sonst oft abends nicht viel los war – und Kneipe geht halt irgendwie immer. Gleichzeitig bietet Marburg einem auch einfach viele tolle besuchenswerte Kneipen und Cafés, allen voran das Sudhaus, das Cafè 1900, das Pegasus und das Felix (obwohl mir bei letzerem ganz ehrlich der redselige und sprücheklopfende Inhaber ein bisschen auf die Nerven geht.. aber nein! Das soll eine POSITIVE Liste werden). Zu später Stunde wurden dann häufig das Deli, der Hinkelstein, die Absinthbar oder auch das Bolschoi angesteuert… ich muss allerdings zugeben, dass ich in den beiden letztgenannten aus Vernunfts-, Zeit- und finanziellen Gründen bisher kein Getränk eingenommen habe. (Ob ich das in den verbleibenden zwei Wochen noch schaffe?!)

Eng mit den Kneipen Marburgs hängt natürlich auch der kulinarische Aspekt zusammen: Denn wer mehrere Jahre in Marburg gelebt hat (und vielleicht auch mal Verwandtenbesuch bekommen hat), der hat auch sicher nicht verpasst, den einen oder anderen Auflauf zu essen. Hessen hat ja wenig regionale Spezialitäten (zumindest ist mir in all den Jahren bis auf Apfelwein nichts auffallend „typisch Hessisches“ aufgefallen) – Auflauf ist aber auf jeden Fall DIE Spezialität Marburgs. Es scheiden sich allerdings die Geister, wo es den BESTEN Auflauf Marburgs gibt. Meiner Meinung nach gibt es ihn im Cafè 1900, andere schwören hingegen darauf, ihren Auflauf im Earlies oder im gleichnamigen Lokal namens Auflauf einzunehmen… vermissen werde ich ihn so oder so. Denn nirgendwo gibt es ihn wohl so günstig (und an jeder Ecke) wie in Marburg. In Berlin jibts nur Currywurscht, Döner und PomFrit. Und die Auflauftradition ist allgemein weniger ausgebaut… (zumindest ist mir das in einer üblichen Berliner Kneipe noch nicht aufgefallen)


Egal, wo man ist…fast immer sieht man das Marburger Schloss.

6. Das Marburger Schloss – wunderwunderschön! Anders kann man es einfach nicht sagen. Ich freu mich auch jedes Mal, wenn ich es schon aus der Ferne in der Sonne leuchten sehe. Auf eine Art und Weise ist es auch irgendwie beruhigend: es ist immer da. Wenn ich in der Germanistik-Bibliothek während des Bachelormarathons aus dem Fenster schaute – es war da. Wenn ich mit schweren Einkaufstüten beladen am Erlenring zum Bus hetzte – es war da! Das eine oder andere Mal war ich natürlich auch oben, der steile Aufstieg lohnt sich auf jeden Fall. Ich würde sogar so weit gehen, das Schloss (vielleicht zusammen auf einer Stufe mit der E-Kirche) als schönstes Bauwerk Marburgs zu bezeichnen. 🙂

7. Die vielen tollen EuLis (und sonstigen sympathischen Menschen), die ich hier kennen gelernt habe. Lasst uns in Kontakt bleiben! Ihr könnt mich auch gerne mal in Berlin besuchen kommen 🙂 (Bin euch ja auch lang genug mit meiner Berlin-Liebe auf die Nerven gegangen! ;)) Aber vielleicht schaff ich’s ja auch mal nach NRW, Niedersachsen oder wo ihr sonst so in nächster Zeit rumschwirren werdet!

8. Wenn mal kulturell was los ist, dann aber richtig: Poetry Slams, Konzerte, Unikino, Lesungen, (Bücher-)Flohmärkte, Kurzfilmfestivals – gerade im Semester war in Marburg schon was los, man musste sich halt nur immer gut informieren (Danke Express, dass es dich gibt!) oder mit offenen Augen durch die Gegend laufen, um auch unauffällige Plakate für Veranstaltungen zu entdecken. Bunt und abwechslungsreich war’s – und ich hatte was zum Bloggen! 😀

9. Die Erkenntnis, dass es eine doch ganz gute Entscheidung war, für ein paar Jahre mal in einer neuen, kleineren Stadt zu leben. Natürlich…Berlin ist toll. Nach dem Abi hätte ich dort auch ganz gerne studiert. Es ist eben auch immer einfacher, in seinem gewohnten Trott zu verharren und sich  nicht in einer neuen Umgebung einleben, neue Freunde finden, sich eine Wohnung  suchen, überhaupt sich erstmal in einer fremden Stadt orientieren zu müssen. Aber genau dieser Sprung ins kalte Wasser war eben sehr bereichernd! Selbst wenn es einige Dinge gab, die mir hier weniger gefallen haben (siehe Hass-Liste) überwiegen doch eindeutig die positiven Eindrücke. Es war also eine gute Entscheidung, mal von der Heimat weg zu gehen – allein schon, um mal was anderes gesehen zu haben!
(Und wie man jetzt sieht: Berlin hat 3 Jahre auf mich gewartet, ich kann jetzt immer noch dahin zurückkehren ;))

10. Dass es eine Stadt ist, an die man sich immer wieder gerne zurück erinnert und über die man in vielen Jahren einmal sagen wird: „Ja, Marburg. Da habe ich mal studiert! Mann, war das eine schöne Zeit!“

Wem das jetzt alles zu lieb und nett war, der sollte vielleicht doch nochmal einen Blick auf meine Marburg-Hass-Liste werfen…

Wilhelmshöhe oder: Wie ich in der tiefsten hessischen Provinz strandete

12. September 2011

Eigentlich wollte ich nach dem letzten doch sehr negativ anmutenden Blogeintrag mal wieder was Positives hier reinposten. Eigentlich. Doch dann kam alles anders.

Zunächst schien ja auch alles wunderbar: auf der Suche nach etwas Abwechslung und einem Ort, an dem ich mal auf fotografische Motivjagd gehen könnte, machte ich mich auf Richtung Kassel. Ja, ihr lest richtig: Kassel. Auch ich war voller Vorurteile über diese Stadt, in deren Genuss ich ja meist auch nur komme, wenn ich im Bahnhof Wilhelmshöhe Richtung Berlin umsteige. Der Bahnhof: furchtbar! Ungemütlich, unübersichtlich. Ich bin jedes Mal froh, wenn ich ihn wieder verlassen darf. Aber sollte das wirklich alles sein, was Kassel zu bieten hat?

Nein…natürlich nicht. Schon länger hatte ich von dem wunderbaren Schloss und dem angegliederten sog. „Bergpark“ gehört, der wohl angeblich sehr sehenswert sei. Das Wetter an diesem Sonntag schien wunderbar, ein paar Wolken zwar, aber ansonsten strahlend blauer Himmel. Somit stieg ich kurzentschlossen in den IC nach Kassel und war in einer Stunde dort.

Kaum auf dem Bahnhofsvorplatz war ich zunächst skeptisch. So viel schöner als der Bahnhof war dieser wahrlich nicht. Architektonisch wirkte in dieser Stadt irgendwie alles ziemlich zusammengewürfelt. Neben einem Haus im Fachwerkstil standen wiederum Betonklötze aus den 60ern. Alles nicht so wirklich zueinander passend. Also auf Richtung Schloss, das ich schon aus der Ferne leuchten sah!

Das Schloss Wilhelmshöhe wurde auf jeden Fall seinem Namen gerecht. Man musste einen ziemlich steilen Hügel hoch, aber wer die Marburger Berge kennt, dem macht dies auch nichts mehr aus. Außerdem wurde man oben mit einem wunderbaren Ausblick über die Stadt belohnt. Ich lief dann noch eine Weile im Park umher, besuchte die „pseudo -mittelalterliche“ Löwenburg (dieser Ausdruck ist nicht von mir! Das stand tatsächlich so auf der Infotafel!). Das eigentliche Kasseler Wahrzeichen, den Herkules, sparte ich mir dann doch. Ich hatte auch einfach vergessen, meine Wanderstiefel einzupacken 😉

Langsam zogen schon Wolken auf. Ich setzte mich trotzdem noch auf die Wiese um in dieser sehr passenden Atmosphäre (Schlossatmosphäre und so ;)) meinen neuesten Lieblingswälzer weiterzulesen. Die Wolken kamen immer näher. Der Park wurde plötzlich immer leerer. Da mein Zug sowieso erst in über einer Stunde kommen würde, blieb ich noch weiter sitzen. Nein…es würde doch nicht anfangen zu regnen! Und selbst wenn..wozu gibt es Regenschirme?

„Herrlich, diese Lichtverhältnisse. Das sieht auf den Fotos sicher wunderbar aus!“, sprach mich eine ältere Dame an, als ich die herannahende Gewitterfront (die selbst ich als Optimist langsam nicht mehr leugnen konnte) mit meiner Kamera fotografierte.

Als es dann wirklich anfing zu regnen, machte ich mich schließlich doch auf Richtung Bahnhof. Ein Blick auf die Anzeigetafel in der Bahnhofsvorhalle ließ schon Böses erahnen: So gut wie alle Züge wurden „wegen einer Signalstörung“ als um circa 30-60 Minuten verspätet angezeigt. Mein Zug stand noch nicht dran. Weitestgehend positiv gestimmt, ging ich also zu meinem Gleis: „Ach, das wird schon!“

So weit, so schön. Wer einen positiv gesinnten Blogeintrag lesen wollte, sollte an dieser Stelle aufhören zu lesen.

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Also gut.. mein Zug nach Marburg schien zunächst keine wirkliche Verspätung zu haben. 5 Minuten. Aber was ist das schon bei der Deutschen Bahn? Doch zu früh gefreut! Kaum im Zug kam eine Durchsage: „Die Strecke zwischen Wabern und Treysa ist aufgrund von Sturmschäden gesperrt. Dieser Zug fährt nur bis Wabern. Dort besteht dann Anschluss an einen Bus.“ Klingt einfach. Ist es aber nicht.

Die Bahn wäre nicht die Bahn, wenn sie dieses Versprechen tatsächlich einlösen würde. In Wabern angekommen wusste niemand (also auch nicht die Bahnmitarbeiter) wo dieser Bus (der sowieso nie im Leben für alle Menschen im Zug reichen würde) eigentlich abfahren würde. So latschten wir mitten durch die schlammige Baustelle neben dem Bahnhof, zu irgendeiner dubiosen Bushaltestelle, wo es dann hieß: warten!

Nach bestimmt 40 Minuten kam doch dann tatsächlich mal ein Bahnmitarbeiter auf die Idee, nach den reichlich genervten und überall in der Gegend verstreuten Bahnreisenden Ausschau zu halten: „Tut mir Leid. Hier fährt kein Bus. Der fährt da hinten um die Ecke.“ Also wieder in einer Riesengruppe zu der besagten Bushaltestelle gelatscht. Wo dann natürlich auch der Bus auf sich warten ließ. Es kam und kam einfach keiner. Und das mitten in der Pampa… da war ich also. Gestrandet in der tiefsten hessischen Provinz. In irgendeinem Kaff namens Wabern, in dem es nicht mal ein offenes Café oder eine Bäckerei zu geben schien. Sonntag eben. Alles zu. Dramatisch und sehr passend dazu fing es wieder an, in Strömen zu regnen und ich ärgerte mich über meine undurchdachte Kleiderwahl, ein dünnes Sommerkleidchen und Sommerschuhe, und den ungeheuren Leichtsinn, keinen Proviant eingepackt zu haben. Aber wer konnte auch ahnen, dass man an diesem Tag noch irgendwo mitten im Nichts landen würde?

Und dann diese bleierne Zeit des Wartens und die Ungewissheit: Würde hier heute tatsächlich noch ein Bus kommen? Die Bahn schien es ja nicht einmal hinzubekommen, ihre Fahrgäste über den Standort der „Bushaltestelle“ (eigentlich nur eine Landstraße?!) zu informieren. Dass die Bahn für das Gewitter nichts konnte, war ja schon klar. Aber dass man seine Kunden so dermaßen im Stich lässt…unfassbar! In Gedanken sah ich mich schon in einem Kuhstall nächtigen.

Doch dann kam er. War es wirklich keine Fata Morgana? Die Leute um mich herum brachen in Jubel aus. Nein..tatsächlich. Dort hinten kam ein Bus angefahren! Ziemlich klein zwar, aber immerhin: Ein Bus! Mit Schnelligkeit und einer gehörigen Portion Geschick galt es nun einen Platz in genau diesem Bus zu ergattern. Ich bin glücklicherweise klein und kompakt und zudem geübt im Drängeln, sodass mir das glücklicherweise gelang. Eingequetscht zwischen Kinderwagen und vielen, vielen genervten Fahrgästen setzten wir also unsere Fahrt fort. Nach Treysa. Ein weiteres Kaff irgendwo auf dem Weg Richtung Marburg. Auf der Busfahrt wurden eifrig Bahnstories ausgetauscht (davon schien es ZIEMLICH viele zu geben). Eine Mittzwanzigerin begann: „Boah, ich war schon mal im letztem Sommer drei Stunden in einem Zug eingesperrt! Der fuhr einfach nicht weiter. Und aussteigen durften wir auch nicht! Aber immerhin – die Getränke im Bordbistro waren dann kostenlos.“ Und eine ältere Frau mit Gehstock wetterte: „So eine Unverschämtheit! Ich war mal in Spanien…da hatten die innerhalb von ‘ner halben Stunde fünf Busse zur Verfügung gestellt und nicht nur so einen Mickrigen wie unseren!“ Wirklich tröstend waren diese Geschichten zwar alle nicht, denn sie änderten ja rein gar nichts an der Situation. Aber irgendwie schien sich ein Gemeinschaftsgefühl herauszubilden: Gemeinsam schimpfen gegen die Unfähigkeit der Deutschen Bahn! Lautstark seinen Frust raus lassen tut halt im ersten Moment auch gut.

Ich verfluchte mich innerlich schon längst für die blöde Idee genau an diesem Sonntag, genau bei diesem „Unwetter“, was sich ja wirklich überhaupt nicht angedeutet zu haben schien, nach Kassel gefahren zu sein. Das hatte ich also davon, mal was Neues zu sehen und aus meiner Wehrdaer Dorfidylle ausbrechen zu wollen!

Nach einer gefühlten Stunde (ca. 20 Minuten in Echtzeit) im engen Bus, waren wir dann endlich in Treysa. Auch hier herrschte das reinste Chaos. Unter dem Bahnhofsdach schienen sich die Leute schon zu stapeln. Aber immerhin. Irgendwann in geraumer Zeit sollte hier tatsächlich ein Zug Richtung Frankfurt fahren. Wow! Dieser kam dann tatsächlich (pünktlich! unglaublich!) und so verlief die restliche Fahrt weitestgehend störungsfrei. Wie viel Zeit (fast 4 Stunden!) und Nerven mich die kleine Strecke zwischen Kassel und Marburg letztendlich gekostet hat, das verdränge ich an dieser Stelle lieber schnell. Mein Fotoausflug nach Kassel war trotzdem schön…hätte vielleicht aber einfach an einem anderen Tag unternommen werden müssen. Aber hinterher ist man bekanntlich sowieso immer schlauer…

10 Dinge, die ich an Marburg hasse*

2. September 2011

* Vielleicht etwas drastisch ausgedrückt, aber was soll’s: Die Samsthandschuhe werden in die Ecke geworfen! Nach all den Jahren Bloggen muss hier jetzt doch mal ein bisschen Feuer rein!

1. Die Uni-Bürokratie – Hass, Hass, Hass! Deshalb auch ganz sicher unangefochten auf Platz 1 dieser Liste! Raubt einem den letzten Nerv und bringt einen das eine oder andere Mal an den Rande des Wahnsinns. Irgendwie ist man dann doch fast ein klein wenig stolz, drei Jahre lang irgendwie mit ihr klar gekommen zu sein! (Aber ich will mich noch nicht zu früh freuen..wer weiß!) Eine bittere Gewissheit bleibt allerdings: Die Bürokratie ist nicht nur an der Marburger Uni so nervig…in anderen Städten wird es genauso sein. Ist doch schön, dass es etwas gibt, worauf man sich verlassen kann 😉


Schön ist was anderes – die Phil-Fak.

2. Die Bausünden Marburgs, so etwa die „schicke“ 60er-Jahre (Klotz-)Architektur der UB und die Unterführung zur Phil-Fak, die die sonst wunderschöne Stadt leider komplett verschandeln. Und dann überhaupt die unglaublich glorreiche Idee, eine Autobahn mitten durch eine Stadt zu bauen! Sachen gibt’s…

3.  Dass die Stadt einfach eine Nummer zu klein ist. Das Studentenleben findet in der Woche statt, d.h in der Regel von Montag bis Mittwoch…denn danach wird die Stadt immer leerer, weil viele über’s  Wochenende nach Hause fahren. Dass über 20.000 Studenten in dieser Stadt leben (und die eigentlich nie direkt aus Marburg stammen, sondern woanders verwurzelt sind), merkt man Marburg eben doch deutlich an, besonders in den Semesterferien. Trotz allem Gemeckers meinerseits (oh, immer diese Großstädter!) führt das aber auch zu einer beinah familiären Atmosphäre in der Stadt. Dass man auf dem Weg zur Uni mindestens drei bekannten Gesichtern begegnet oder schon genau weiß, wer morgens an der Bushaltestelle steht, hat eben irgendwie auch etwas Beruhigendes. Manchmal, aber manchmal lobt man sich hingegen wiederum die Anonymität einer Großstadt…

4. Der hässliche Wehrdaer Kaufpark. Ist eigentlich immer das Erste gewesen, was ich aus dem Zugfenster von Marburg gesehen habe (Erster Gedanke: Seufz..da bin ich also wieder!). Für Fußgänger ist er ziemlich unfreundlich gestaltet – auf den riesigen zubetonierten Parkplätzen, die die einzelnen Geschäfte miteinander verbinden, fühlt man sich halt doch etwas verloren. Ich bin trotzdem das eine oder andere Mal da gewesen. Hat mir immerhin ab und zu erspart für ein paar Einkäufe extra in die Innenstadt fahren zu müssen.Ein Rätsel ist es für mich allerdings weiterhin (und wird es immer bleiben), warum der Bus spätabends noch dort anhält, wenn doch alle Geschäfte zu haben?! Und dann tatsächlich Leute aussteigen??? WO wollen die zum Teufel so spät noch hin?! (und nein, diesem Mysterium werde ich NICHT auf den Grund gehen!)


Während der Bus zum Hauptbahnhof gurkt… lieber ’nen kleinen Spaziergang durch den Alten Botanischen Garten machen!

5. Die völlig unnötige Runde über den Bahnhof (die so gut wie alle Innenstadt-Busse fahren), die mich dazu veranlasst hat, von der E-Kirche zu Fuß durch den wunderschönen Alten Botanischen Garten zu gehen (was für ein positiver, sportlicher Nebeneffekt!) Nervig und zeitraubend ist die Verkehrsführung in der Innenstadt auf jeden Fall. Einbahnstraßen im Zentrum einer Stadt sind eben einfach eine ziemlich blöde Idee. Es zeigt aber auch, dass man es in dieser Stadt anscheinend weniger eilig hat. (siehe 6.)

6. Die Marburger Fußgängerampeln. Treiben einen in den Wahnsinn, weil man gefühlte Stunden darauf warten muss, dass sie grün werden. Praktisch allerdings, dass sie lautstark tuten, sodass man währenddessen wenigstens ein bisschen verträumt in der Gegend herumgucken kann (und dann davon wieder unsanft geweckt wird). Gleichzeitig geben die Ampel in bestimmter Art und Weise auch das Tempo dieser Stadt vor. Hier läuft eben alles gemächlicher, man rennt nicht wie in Berlin ständig hektisch durch die Gegend um von A nach B zu kommen, nein – es ist halt auch einfach völlig in Ordnung mal ein paar Minuten ganz relaxt an einer Ampel zu warten! Marburg hat mir also ein Stück weit ein entspannteres Lebensgefühl beigebracht, danke dafür! (Und das ist ernst gemeint!)


Abendbus in Wehrda – immer wieder toll, dass es ihn überhaupt gibt 😉

7. Die Tatsache, dass der letzte (für mich mögliche) Bus schon um 0.37 Uhr kommt. Schon mal was vom Wort „Nachtleben“ gehört?
Hat aber auch zu einigen sonderlichen Erlebnissen geführt:
a.) idyllische Spaziergänge durch das nächtliche Wehrda, wenn man den Bus (un)freiwillig verpasst.
b.) seltsame Busbekanntschaften gemacht, denn merke: im letzten Bus ist eigentlich so gut wie niemand mehr nüchtern (außer der Busfahrer…bleibt zumindest zu hoffen). In so einem Zustand kommt man bekanntlich leichter ins Gespräch bzw. hat ein übersteigertes Redebedürfnis! Und so unterhält man sich halt mal mit irgendwelchen Erasmus-Studenten auf Englisch… auch eine Art, seine Fremdsprachenkenntnisse aufzupolieren!
c.) der letzte Bus erzwingt es quasi, dass die Abende schon eher beginnen und genau an dem Punkt enden, an dem es gerade richtig lustig wird. Aber wie sagt man so schön: Man soll gehen, wenn es am schönsten ist…

8. Die Marburger Berge. Egal, wo man hingeht: fast überall muss man einen steilen Berg hochlaufen. Radfahren ist daher in dieser Stadt leider eher was für Extremsportler und Leute, die auf durchgeschwitzte Kleidung und Muskelkater stehen. Der steile Berg, den ich täglich zu meinem Haus hochlaufen muss, kann mir (selbst mit schweren Einkaufstüten und Reisekoffern) trotzdem mittlerweile nichts mehr anhaben – ha! Marburg macht einen eben doch zu einem sportlicheren (und besseren?) Menschen!

9. Die unfreundliche männliche Fahrstuhlstimme in der Phil-Fak, die einen durch die zahlreichen Etagen in den Türmen navigiert. Als Ersti zunächst erschreckt durch den sehr harschen, fast schon militärisch anmutenden Tonfall dieses Mannes, hat man sich mit den Jahren schon längst dran gewöhnt. Eben auch ein kleines Stück Unialltag. Hachja.. und weil’s so schön war, hier zum Anhören!

10. Der unheimliche Elwert-Fahrstuhl, auch „Der Fahrstuhl des Grauens“ (muahaha!) genannt. Bleibt gerne mal stehen, wenn man die Sicherheitsschranke überschreitet (völlig unabsichtlich natürlich!) Wenn man sich also mal ein bisschen gruseln will, sowieso mal wieder Bücher kaufen wollte oder einfach einen anderen Weg sucht, um in die Oberstadt zu kommen (wird von den Mitarbeitern dort aber nicht gerne gesehen!), dem sei der Elwert-Fahrstuhl sehr ans Herz gelegt.

So, genug gemotzt und gemeckert. Nichts für ungut. Marburg ist natürlich trotzdem eine schöne Stadt, in der ich mich sehr wohl gefühlt habe. Ich hab gelernt mit all den kleinen Makeln der Stadt umzugehen und muss sogar zugeben, dass ich jeden dieser Makel doch irgendwie vermissen werde. Ein bisschen Sentimentalität schwingt eben doch mit. Denn, wie heißt es so schön: Nobody’s perfect! Und kleine Fehler machen eine Stadt vielleicht auch gerade erst so richtig sympathisch.

Wat zum Kieken aus de Heimat

28. August 2011

Soo..liebe Leutchens. Weil ick heut keen Bock uff viel Jeschwafel hab, aber det Jefühl hab, dass hier ma wieda wat rinn muss, kommt jetze ma wat zum Kieken. Schön war’et!

So..jenug. Det muss jenügen!

Ps: Un denn noch an die Flitzpiepe, die mit „marburg wehrda kriminalität“ uff mein Blog jestoßen is: Is janz schön hier, zwar bisscken jwd (janz weet droßn), aber schnieke isset trotzdem. Kannst dir also ruhig uff meene WG-Kleenanzeije melden, wa! Hauste rinn!

Liebe ohne Zukunft – Der Anti-Liebesfilm „Blue Valentine“

13. August 2011


Hier sind sie noch ein Herz und eine Seele: Cindy (Michelle Williams) und Dean (Ryan Gosling) bei ihrer Hochzeit.

Ein gutaussehender Typ trifft ein attraktives Mädchen. Sie verlieben sich ineinander. Und so lebten sie glücklich bis an das Ende ihrer Tage. Diese Storyline erwartet man zumindest von einem typischen Liebesfilm. Auf den ersten Blick. Denn „Blue Valentine“ bezeichnet sich zwar auch auf dem offiziellen Kinoplakat als „a love story“, setzt aber genau da ein, wo jede x-beliebige Kinoromanze endet. Nämlich an dem Punkt, wo es Probleme in einer Beziehung gibt. Der gutaussehende Typ vielleicht doch nicht so gut zu der Schönheit passen will, wie zunächst angenommen. Und die Liebe vor dem Aus steht.

In „Blue Valentine“ wird das Scheitern der Beziehung zwischen dem hippen Lebemann Dean (gespielt von Ryan Gosling, der bereits schon in der Komödie „Lars und die Frauen“ überzeugen konnte) und der ehrgeizigen und bildschönen Cindy (Michelle Williams) gnadenlos unter die Lupe genommen. Der Film arbeitet hierbei immer wieder eindrücklich mit Rückblenden und wechselt zwischen den berührenden Anfängen einer wunderbaren Liebesbeziehung und der später eintretenden Ernüchterung im Ehealltag mit kleiner Tochter hin und her. Dies gibt dem Film Tiefe und macht ihn gleichzeitig auch so hoffnungslos. Denn als Zuschauer ist man, selbst in den Szenen wo noch alles gut laufen zu scheint und Dean und Cindy noch auf Wolke 7 zu schweben scheinen, ständig schon einen Schritt weiter. Während die Hauptdarsteller noch im Liebesglück weilen, hat man schon längst erkannt, dass diese Liebe keine Zukunft haben kann. Und man beginnt nach Anzeichen zu suchen. Ist es vielleicht schon dieser kurze Augenblick, dieser Blick, dieser Satz, der auf das Ende hindeutet?

Die Hauptdarsteller überzeugen mit ihrer Darstellung eines Paares, da vielleicht sogar füreinander bestimmt ist, das aber letztendlich am Alltag und getroffenen Entscheidungen scheitert. Denn Cindy wird vor der Beziehung mit Dean ungewollt von ihrem Ex-Freund (Mike Vogel) schwanger, möchte das Kind abtreiben, entscheidet sich im letzten Moment aber doch dagegen. Dean beschließt kurzerhand, mit ihr zusammen das Baby groß zu ziehen. Eine Entscheidung, der einen Einschnitt in ihrem bisher unabhängigen Leben bedeuten und an dem vielleicht letztendlich auch ihre Beziehung zugrunde gehen wird.

Regisseur Derek Cianfrance klammert jedoch (bewusst?) aus, was in den fünf Jahren zwischen dieser Entscheidung und dem letztendlichen Aus passiert. Hier hätte der Film durchaus ein wenig mehr in die Tiefe gehen können. Denn so erscheint es wenig plausibel, wo nun der eigentliche Fehler in der Beziehung liegt. Stattdessen werden vermehrt Deans Bemühungen gezeigt, die Ehe unter anderem während eines romantischen Wochenendes in einem futuristischen Hotelzimmer (mit dem sehr sprechenden Namen „Zukunft“) zu retten. Er versucht seiner Frau wieder näher zu kommen, doch diese blockt jeden Annäherungsversuch seinerseits kaltherzig ab. Warum sie das tut, wird nicht recht nachvollziehbar. Ist es der Umstand, dass sie aufgrund der Entscheidung, das Baby zu bekommen und nicht abzutreiben, ihr ambitioniertes Ziel, eine angesehene Ärztin zu werden, aufgeben musste? Oder ist die anfängliche so starke Liebe zu Dean in den fünf Jahren einfach abgeflaut? Sind ihre Gegensätze, die sie einst zusammengehalten haben, doch einfach zu groß: er, der unkonventionelle Typ, der in den Tag hineinlebt – sie, die von Ehrgeiz getrieben wird und etwas aus ihrem Leben machen will?

Diese innerlichen Entwicklungen, die in den Figuren vorgehen, werden leider nur am Rande angerissen und stattdessen vielmehr durch die Veränderung im Äußeren aufgezeigt. So verwandelt sich der einst gutaussehende, Kapuzenshirt tragende Indie-Boy Dean in den Jahren in einen abgekämpft wirkenden Vater mit unmodischer Hornbrille und Hang zum Alkoholismus. Die einst vor Energie und Lebensfreude nur so strahlende Cindy entwickelt sich in eine verhärmte Krankenschwester, deren besten Jahre schon lange an ihr vorbeigezogen zu sein scheinen. Hier hätte der Film vielleicht doch auf die arg plakative äußerliche Veränderung der Hauptfiguren verzichten und stattdessen ein größeres Augenmerk auf die charakterlichen Entwicklungen richten sollen. Dies hätte den eigentlichen Grund für das Scheitern der Beziehung (dieser lässt sich wie gesagt nur erahnen) schlüssiger gemacht.

Trotz dieser kleineren Schwächen ist „Blue Valentine“ in jedem Fall sehenswert, gerade weil der Film das Thema Liebe von seiner weitaus realistischeren Seite beleuchtet, als es jeder andere übliche Liebesfilm tut. Man sollte daher keinen Feel-good-Movie erwarten und sich stattdessen auf einen Kinoabend voller Auf und Abs einstellen – denn eines macht der Film klar: Auch die aussichtsreichste Liebesbeziehung hat, so schade es auch ist und es einem die meisten (Hollywood)Filme weismachen wollen, nicht immer eine Zukunft.

Die hessische Braukultur – Exkursion nach Lich

11. August 2011

Dem aufmerksamen Leser wird sicher aufgefallen sein, dass ich mich schon sehr für Kultur interessiere. Ob Musik, Filme, Bücher – Hauptsache Kultur. Die hessische Brau-bzw. Trinkkultur, zweifelsohne nicht zu unterschätzen wie dieser Beitrag zeigen wird, darf dann hier also folglich in meinem Blog auch nicht fehlen. Umso schöner, dass eine hessische Brauerei hier einen Anreiz geschaffen hat, in das wunderschöne Lich zu fahren und dort die ansässige Trinkkultur mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Da kommt nämlich nicht nur das gleichnamige Bier her, sondern seit dem Frühjahr läuft zudem auch eine Aktion, die die Fans von gutem Bier für ihre vielen Mühen des Biergenusses entschädigt: Wer eine bestimmte Anzahl von den Aktionskronkorken sammelt, kann noch bis zum 18.8.2011 tolle Prämien abstauben: ein 5-Liter Zapffass mit feinstem Licher-Pilsner, eine Pulsmessuhr und eine Outdoor-Trainingsjacke.

Bei solchen lohnenswerten Prämien fanden sich innerhalb meines Marburger Freundeskreises natürlich schnell Interessenten – an einem historischen Abend im Mai wurde schließlich der Entschluss gefasst: Lasst uns nach Lich fahren und uns unsere Prämie (ein arg herbeigesehntes Licher-Fässchen) einfach selbst im Licher-Shop abholen.

Auf nach Lich! Biergenuss im Zug.

Einige Monate und viele, viele bierreiche Abende später war es nun endlich soweit: zwei Fässchen sollten es sein! Unser Reiseleiter suchte eine Reiseverbindung raus und wir setzten uns mit einiger Wegzehrung (natürlich Licher) in die wunderbare Hessische Landesbahn. Wie man so schön sagt: Auch der Weg war das Ziel. Wir fuhren durch wunderschöne hessische Landschaften natürlich mit einem schönen hessischen Bier in der Hand – was kann es Schöneres geben?

Nach kurzem Aufenthalt in Gießen ging es auch gleich weiter nach Lich. Nach insgesamt einer Stunde von Marburg, war es dann geschafft: die grünen Fabrikschornsteine der Licher-Brauerei zogen an unserem Zugfenster vorbei – aber nein! Was war das? Menschenmassen – eine unverschämt lange Schlange vor dem Licher-Shop! Wer hätte das gedacht?! Schnell machte sich in der Exkursionsgruppe großes Erstaunen breit: „Waaas? Gibt es echt noch andere Idioten, die tatsächlich nur nach Lich fahren, um ihre Prämie abzuholen? Das gibt’s doch nicht!“

Und tatsächlich – fast traurig mutete dieser Bier-Tourismus an. In andere Städte fährt man wegen ihrer malerischen Altstadt, aufgrund ihrer architektonischen Highlights oder einfach nur, weil die Stadt eine tolle Atmosphäre hat (Marburg!!!). Nach Lich fährt man – nunja. Weil man seine Aktionskronkorken einlösen will. Schon irgendwie armselig.

Was für Szenen sich dann auf dem Brauerei-Gelände abspielten – unsäglich! Alle paar Sekunden schoben Männer und Frauen im mittleren Alter, teilweise aber sogar ganze Familien Einkaufswagen (!) voller Bierfässer an uns vorbei. Am besten auch noch mit Kinderwagen – ob da wohl auch Bier drin transportiert wurde? Würde mich nicht wundern…

Dieses Erlebnis hat somit in erster Linie meinen Eindruck der Hessen als sehr bierliebendes Volk gefestigt. Schnell wurden in der Exkursionstruppe Theorien entworfen, warum das wohl so sei. (Mit irgendwas muss man sich ja beschäftigen, während man in der langen Schlange steht…) „Das sieht bestimmt nur so krass aus bei denen, weil sich ein Abgesandter eines Vereins die Fässer allein abholt. Wir sind da halt voll sozial, weil wir alle gemeinsam die Fässchen holen!“  oder auch: „Das sind bestimmt alles Gastronomen, die an der Kronkorken-Quelle sitzen – oder irgendwelche Kegelvereine…!“ Reiseleiter D. merkte sogar mit nachdenklicher Miene an, dass Lich für ihn „wohl die surrealste Stadt überhaupt“ sei. So viel Biergenuss, so viele Leute mit Bierfässchen – sowas hatte man wahrlich noch nie gesehen.

Während wir so auf die Erfüllung unserer Träume warteten, fiel uns vor allem auch folgendes auf:

  1. Wir waren mit Abstand so ziemlich die jüngsten Prämienanwärter. Um uns herum standen eigentlich nur Leute über 40 (die teilweise auch auf die vergriffene Outdoor-Jacke scharf waren und hierfür ein Formular ausfüllen mussten)
  2. Überraschend (oder erschreckend) schien zudem auch die große Anzahl von Kindern, die von ihren Eltern zu diesem großen Moment der Fässchen-Abholung mitgenommen wurden (und später natürlich auch beim Schleppen helfen durften – siehe Foto)
  3. Wir schienen auch wirklich die einzigen sein, die vorher schon das eine oder andere Licher-Bierchen genossen hatten. Dementsprechend gut war dann auch die Stimmung in der Gruppe. Aber schön: Haben wir die Leute um uns herum mit unserem Gelaber wenigstens noch etwas unterhalten.

Unsere Kronkorken-Sammlung.

Nach einer guten halben Stunde und vielen Albernheiten später, war dann der historische Moment gekommen. Die Abgabe der Kronkorken! Wie lange hatten wir gespart, die Mühen des Biergenusses auf uns genommen, nächtelang auf der Lahnwiese nur eine Sorte Bier getrunken – ja. Man muss Opfer bringen. Und doch enttäuschend wie simpel die Einlösung letztendlich war. Ein junger Mann Anfang 20 füllte die Kronkorken in eine Waagschale, fragte: „Was soll’s denn werden?“ und drückte uns, nachdem wir ihm unseren Wunsch nach zwei Fässchen mitgeteilt hatten, zwei kleine blaue Coupons in die Hand. Die konnten wir dann in einer neuen Schlange in einer großen Lagerhalle einlösen.

Taadaa.. das war es also! Monatelang hatten wir von diesem Moment gesprochen – jetzt war er eingetreten. Voller Triumph zogen wir von dannen – aber auch unter den teilweise höhnischen Kommentaren der in der Schlange wartenden Leute: „Haha – nur zwei Fässchen! Und das sind so viele Leute!“ Tztztz..die Licher Bürger (oder wo auch immer die Wartenden herstammten) sind wohl nicht gerade für ihre Freundlichkeit bekannt. Aber egal – ich kenn das ja schon aus Berlin. Hart, aber herzlich.

Nach dieser phänomenalen Erfüllung unseres monatelangen Traums machten wir voller Freudentaumel noch ein Erinnerungsfoto und dann ging es auch schon wieder Richtung Bahnhof, wo das erste Fässchen natürlich gebührend angezapft wurde. „Prost! Auf Lich, die schönste Stadt Hessens!“