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Die etwas andere Wohngemeinschaft…

21. Januar 2011

Nachdem meine WG-Casting-Erlebnisse ja doch ein beträchtliches Interesse von den Lesern meines Blogs erfahren, hab ich mich gefragt: Warum sollte ich euch eigentlich eine der spannendsten und für mein erstes Semester in Marburg sicher am prägendsten (wenn nicht für den Rest meines Lebens ;)) Erfahrungen mit einer ganz besonderen Wohngemeinschaft vorenthalten? – und zwar die WG mit Frau H.

Frau H. war eine ältere Dame, vielleicht so um die 70 (aber ich bin nicht gut bei Altersschätzungen), die in einem Einfamilienhaus im schönen Marburger Süden wohnte. Als ich zu einer meiner zahlreichen WG-Odysseen auf den weiten Weg von Berlin in meine neue Heimat aufbrechen wollte, war ich auch dringend auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit während der WG-Suche. Am nächsten Tag sollte es nach Marburg gehen und so telefonierte ich mich durch die lange „Privatzimmer“-Liste auf der Homepage der Stadt Marburg. Doch überall, wo ich anrief (es war Mitte September), war leider schon kein Zimmer mehr frei. Ich war also schon ziemlich verzweifelt, als ich schließlich endlich auf eine Vermieterin stieß, die eine Nachbarin kannte, die eventuell noch ein Zimmer hätte…

Also rief ich dort an. Eine junge Stimme meldete sich, ich war schon völlig darauf eingestellt, für dieses Zimmer, das ja wirklich eines der letzten freien in ganz Marburg zu sein schien, kämpfen zu müssen. Sehr freigiebig berichtete ich also meine Leidensgeschichte. Ich, bald Erstsemester-Studentin, aus dem fernen Berlin, dringend auf Wohnungssuche, benötige doch dringend eine kurzfristige Bleibe, um überhaupt auf Wohnungssuche gehen zu können… Die Frau am Ende der Leitung schien Verständnis zu haben, ja sicher, ihre Mutter (besagte Frau H.) würde sicher mal eine Ausnahme machen. Normalerweise würde sie eigentlich das mit dem Vermieten eher nebenbei machen. Aber bei so einem Notfall…!

Ich fuhr also am nächsten Tag nach Marburg, blieb einen Tag. Hatte immer noch keine WG. Übernachtete eine weitere Nacht bei Frau H. Hatte immer noch keine WG. Mittlerweile hatte ich auch meinen wahren Fehler erkannt. Ich hatte mir im August (da war ich nämlich auch schon mal auf Wohnungssuche) einfach zu wenige WGs angeschaut und jetzt im September, wenige Wochen vor Beginn des neuen Semesters, gab es einfach keine wirkliche Chance mehr, irgendwas zu reißen. Die Konkurrenz war einfach zu groß! So traurig es auch war, ich fragte Frau H., ob ich möglicherweise auch etwas länger bei ihr wohnen könnte. Vielleicht ein, zwei, drei… Monate? Bis ich eine richtige Wohnung gefunden hätte? Ich dachte mir nichts dabei. Frau H. schien eine freundliche alte Dame zu sein, vielleicht etwas misstrauisch (sonst hätte sie bei meinem ersten Anruf ja wohl kaum ihre Tochter zum „Aushorchen“ ans Telefon geschickt?!)… aber nett.

Anfang Oktober reiste ich also mit einem (!) Koffer an – so hatte ich mir den Umzug in meine neue Heimat wirklich nicht vorgestellt. Ich würde hier also anfangen zu studieren. Von zuhause hatte ich wirklich nur das Allerallernötigste mitgenommen – aber wie sollte man auch all seine wirklich wichtigen Habseligkeiten mit EINEM Koffer mit der Bahn in das neue „Zuhause“ bringen? Diese Erfahrung des noch-nicht-so-wirklich-angekommen-Seins, dieses Gefühl nur für kurze Zeit angereist zu sein, war definitiv prägend für die erste Zeit in Marburg. Ich lernte auch Frau H. etwas besser kennen… zwangsläufig.

Tagsüber kam sie oft herunter (ich hatte das Souterrain mit Schlafzimmer, Küche und Bad für mich, das heißt – fast!), gab mir gutgemeinte Ratschläge, wollte sich manchmal auch einfach ein bisschen unterhalten. Sicher, am Anfang war das noch nett, aber auf Dauer ging es mir halt doch auf die Nerven. „Sie sollten den Schrank so einräumen“ oder „Hängen Sie doch bloß die nassen Spüllappen zum Trocknen über den Wasserhahn! Das ist hygienischer!“ oder als ich mal meine Wäsche aufhängte: „Wie machen Sie das denn? Benutzen Sie denn keine Wäscheklammern?!“ Ich benutze NIE Wäscheklammern!!! Und das sollte sich auch nicht durch sie ändern. (Hat sich auch bis heute nicht!!!) So waren Frau H.s Ratschläge bestimmt im tiefsten Herzen gut gemeint – sie erzählte mir immer wieder, dass sie Zeit ihres Lebens Hausfrau war und ihr Mann arbeiten ging – doch auf der anderen Seite: Warum wollte sie mich bloß zu einer guten Hausfrau bekehren? Sicher, es war anfangs nett anzuhören, auf welche Art und Weise sie Rotkohl kochte oder Marmelade machte – manchmal fand ich auch ein kleines Schüsselchen davon im Kühlschrank wieder – dennoch, irgendwie fühlte man sich durch all diese Vorschriften, wie etwas richtig und gut zu machen sei, eben schon unter Druck gesetzt. Ich fing an, aufzupassen, ob der nasse Wischlappen wirklich nach dem Abwasch über dem Wasserhahn hing (damit er besser trocknen konnte) – tat ich es nämlich nicht, konnte ich mich 100%ig darauf verlassen, dass er sich dort befand, wenn ich später von der Uni nach Hause kommen würde. Natürlich, das Souterrain gehörte eben doch zu Frau H.s Haus, unterstand ihrem Machtbereich, indem eben die perfekte Hausfrauen-Ordnung herrschen musste! Es gab kein Entkommen… 😉

Sie plauderte furchtbar gerne über ihre Familie, über ihren Mann und das Haus, das sie in den 60er gebaut hatten…usw. usw. Ich, dauergestresster Ersti mit definitiv zu wenig Zeit und wenn dann vollauf damit beschäftigt meinen Unikram irgendwie auf die Reihe zu kriegen, hatte nicht immer Zeit und Lust zuzuhören… manchmal will man halt auch einfach seine Ruhe haben. Das war bei Frau H. nur selten möglich. Andererseits wollte ich ja auch nicht unhöflich sein. Klar, Frau H. lebte schon länger allein in dem großen Haus, hatte vielleicht auch nicht immer jemanden zum Reden – aber musste ich als zahlende Mieterin denn wirklich immer für Small-Talk herhalten? Und ihr Redeschwall war nicht immer leicht zu stoppen…

Etwas Gutes (und vor allem Unterhaltsames) hatte die ganze Zeit bei Frau H. aber auch: Während der zwei Monate, die ich letztendlich in dieser Bleibe ausharrte (und dann endlich in meine heutige WG einziehen konnte) habe ich ein paar interessante und skurrile Leute kennengelernt, die auch kurzzeitig in einem weiteren Zimmer im Souterrain wohnten. Da war etwa ein afghanischer Arzt, mit dem man sich gut unterhalten konnte und der mich auch mal mit dem Auto in die Stadt mitnahm. Oder eine Studentin, die sich für eine Prüfung von der Außenwelt komplett abschotten wollte, um zu lernen. (Hm, ob ihr das bei Frau H. gelungen ist?! ;)) Oder einmal auch ein Bauarbeiter, den ich so gut wie nie wirklich gesehen habe. Morgens um 6 stand er auf (und machte Geräusche in der Küche, von denen ich manchmal aufwachte) und abends kam er auch nicht früh nach Hause und war meistens schon in seinem Zimmer verschwunden. Er hatte aber einen sehr interessanten Ernährungsplan: Tiefkühl-Bratkartoffeln (wusste ich vorher auch nicht, dass es das gibt!) und Spiegelei. Dies ergaben zumindest meine Beobachtungen bezüglich der benutzten Pfanne, dem Geruch in der Küche und den Küchenabfällen – oder auch einfach am Inhalt des Kühlschranks – denn jeden Abend fehlte ein weiteres Ei. (Messerscharf beobachtet, ich weiß :D) Während der zwei Wochen, die er mit mir die Etage teilte, habe ich vielleicht zwei Worte mit ihm gewechselt: „Hallo“ und „Tschüss“.

Insgesamt war diese ganz spezielle Art von WG, mit einer älteren peniblen Dame und ständig wechselnden Mitbewohnern, vielleicht wirklich die ehrlichste Probephase für das eigentliche WG-Leben, die man überhaupt haben kann! Definitiv werde ich diese Art des Wohnens nicht mehr vergessen – einen gewissen Einfluss hat Frau H. auf jeden Fall auf mich ausgeübt: Ich habe mir seit dieser Zeit angewöhnt, die nassen Spüllappen immer über den Wasserhahn zu hängen. Danke, Frau H.! Was würde ich heute bloß ohne Sie machen?

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One Comment leave one →
  1. 15. Februar 2011 22:08

    *lach* Deine Frau H. erinnert mich an meine alte Vermieterin, zwar hatte ich einen relativ abgeschlossenen Bereich, aber sie war auch ja.. sehr bemüht mir Ihre Vorstellungen von Ordnung und Co klar zu machen… im Herzen sicher irgendwo eine gute Frau… aber ich würde nie jemanden die Wohnung weiter empfehlen ;D

    War witzig zu lesen ^^

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