Skip to content

Die hessische Braukultur – Exkursion nach Lich

11. August 2011

Dem aufmerksamen Leser wird sicher aufgefallen sein, dass ich mich schon sehr für Kultur interessiere. Ob Musik, Filme, Bücher – Hauptsache Kultur. Die hessische Brau-bzw. Trinkkultur, zweifelsohne nicht zu unterschätzen wie dieser Beitrag zeigen wird, darf dann hier also folglich in meinem Blog auch nicht fehlen. Umso schöner, dass eine hessische Brauerei hier einen Anreiz geschaffen hat, in das wunderschöne Lich zu fahren und dort die ansässige Trinkkultur mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Da kommt nämlich nicht nur das gleichnamige Bier her, sondern seit dem Frühjahr läuft zudem auch eine Aktion, die die Fans von gutem Bier für ihre vielen Mühen des Biergenusses entschädigt: Wer eine bestimmte Anzahl von den Aktionskronkorken sammelt, kann noch bis zum 18.8.2011 tolle Prämien abstauben: ein 5-Liter Zapffass mit feinstem Licher-Pilsner, eine Pulsmessuhr und eine Outdoor-Trainingsjacke.

Bei solchen lohnenswerten Prämien fanden sich innerhalb meines Marburger Freundeskreises natürlich schnell Interessenten – an einem historischen Abend im Mai wurde schließlich der Entschluss gefasst: Lasst uns nach Lich fahren und uns unsere Prämie (ein arg herbeigesehntes Licher-Fässchen) einfach selbst im Licher-Shop abholen.

Auf nach Lich! Biergenuss im Zug.

Einige Monate und viele, viele bierreiche Abende später war es nun endlich soweit: zwei Fässchen sollten es sein! Unser Reiseleiter suchte eine Reiseverbindung raus und wir setzten uns mit einiger Wegzehrung (natürlich Licher) in die wunderbare Hessische Landesbahn. Wie man so schön sagt: Auch der Weg war das Ziel. Wir fuhren durch wunderschöne hessische Landschaften natürlich mit einem schönen hessischen Bier in der Hand – was kann es Schöneres geben?

Nach kurzem Aufenthalt in Gießen ging es auch gleich weiter nach Lich. Nach insgesamt einer Stunde von Marburg, war es dann geschafft: die grünen Fabrikschornsteine der Licher-Brauerei zogen an unserem Zugfenster vorbei – aber nein! Was war das? Menschenmassen – eine unverschämt lange Schlange vor dem Licher-Shop! Wer hätte das gedacht?! Schnell machte sich in der Exkursionsgruppe großes Erstaunen breit: „Waaas? Gibt es echt noch andere Idioten, die tatsächlich nur nach Lich fahren, um ihre Prämie abzuholen? Das gibt’s doch nicht!“

Und tatsächlich – fast traurig mutete dieser Bier-Tourismus an. In andere Städte fährt man wegen ihrer malerischen Altstadt, aufgrund ihrer architektonischen Highlights oder einfach nur, weil die Stadt eine tolle Atmosphäre hat (Marburg!!!). Nach Lich fährt man – nunja. Weil man seine Aktionskronkorken einlösen will. Schon irgendwie armselig.

Was für Szenen sich dann auf dem Brauerei-Gelände abspielten – unsäglich! Alle paar Sekunden schoben Männer und Frauen im mittleren Alter, teilweise aber sogar ganze Familien Einkaufswagen (!) voller Bierfässer an uns vorbei. Am besten auch noch mit Kinderwagen – ob da wohl auch Bier drin transportiert wurde? Würde mich nicht wundern…

Dieses Erlebnis hat somit in erster Linie meinen Eindruck der Hessen als sehr bierliebendes Volk gefestigt. Schnell wurden in der Exkursionstruppe Theorien entworfen, warum das wohl so sei. (Mit irgendwas muss man sich ja beschäftigen, während man in der langen Schlange steht…) „Das sieht bestimmt nur so krass aus bei denen, weil sich ein Abgesandter eines Vereins die Fässer allein abholt. Wir sind da halt voll sozial, weil wir alle gemeinsam die Fässchen holen!“  oder auch: „Das sind bestimmt alles Gastronomen, die an der Kronkorken-Quelle sitzen – oder irgendwelche Kegelvereine…!“ Reiseleiter D. merkte sogar mit nachdenklicher Miene an, dass Lich für ihn „wohl die surrealste Stadt überhaupt“ sei. So viel Biergenuss, so viele Leute mit Bierfässchen – sowas hatte man wahrlich noch nie gesehen.

Während wir so auf die Erfüllung unserer Träume warteten, fiel uns vor allem auch folgendes auf:

  1. Wir waren mit Abstand so ziemlich die jüngsten Prämienanwärter. Um uns herum standen eigentlich nur Leute über 40 (die teilweise auch auf die vergriffene Outdoor-Jacke scharf waren und hierfür ein Formular ausfüllen mussten)
  2. Überraschend (oder erschreckend) schien zudem auch die große Anzahl von Kindern, die von ihren Eltern zu diesem großen Moment der Fässchen-Abholung mitgenommen wurden (und später natürlich auch beim Schleppen helfen durften – siehe Foto)
  3. Wir schienen auch wirklich die einzigen sein, die vorher schon das eine oder andere Licher-Bierchen genossen hatten. Dementsprechend gut war dann auch die Stimmung in der Gruppe. Aber schön: Haben wir die Leute um uns herum mit unserem Gelaber wenigstens noch etwas unterhalten.

Unsere Kronkorken-Sammlung.

Nach einer guten halben Stunde und vielen Albernheiten später, war dann der historische Moment gekommen. Die Abgabe der Kronkorken! Wie lange hatten wir gespart, die Mühen des Biergenusses auf uns genommen, nächtelang auf der Lahnwiese nur eine Sorte Bier getrunken – ja. Man muss Opfer bringen. Und doch enttäuschend wie simpel die Einlösung letztendlich war. Ein junger Mann Anfang 20 füllte die Kronkorken in eine Waagschale, fragte: „Was soll’s denn werden?“ und drückte uns, nachdem wir ihm unseren Wunsch nach zwei Fässchen mitgeteilt hatten, zwei kleine blaue Coupons in die Hand. Die konnten wir dann in einer neuen Schlange in einer großen Lagerhalle einlösen.

Taadaa.. das war es also! Monatelang hatten wir von diesem Moment gesprochen – jetzt war er eingetreten. Voller Triumph zogen wir von dannen – aber auch unter den teilweise höhnischen Kommentaren der in der Schlange wartenden Leute: „Haha – nur zwei Fässchen! Und das sind so viele Leute!“ Tztztz..die Licher Bürger (oder wo auch immer die Wartenden herstammten) sind wohl nicht gerade für ihre Freundlichkeit bekannt. Aber egal – ich kenn das ja schon aus Berlin. Hart, aber herzlich.

Nach dieser phänomenalen Erfüllung unseres monatelangen Traums machten wir voller Freudentaumel noch ein Erinnerungsfoto und dann ging es auch schon wieder Richtung Bahnhof, wo das erste Fässchen natürlich gebührend angezapft wurde. „Prost! Auf Lich, die schönste Stadt Hessens!“

Advertisements
2 Kommentare leave one →
  1. 12. August 2011 17:00

    „die surrealste Stadt überhaupt“ 😀 Ich musste so laut lachen! Und ich sitze in der Uni im PC-Saal…
    Wenn ich dich mal besuchen komme, bekommst du natürlich auch ein Kissen! 🙂

  2. 21. August 2011 20:18

    Da ist man doch froh, dass man beim Saufen auch noch auf ein höheres Ziel hinarbeitet. 😉 Erinnert mich ein bisschen an
    http://www.kraftfuttermischwerk.de/blogg/?p=28727
    Greetz
    arnewpunkt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: