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Wilhelmshöhe oder: Wie ich in der tiefsten hessischen Provinz strandete

12. September 2011

Eigentlich wollte ich nach dem letzten doch sehr negativ anmutenden Blogeintrag mal wieder was Positives hier reinposten. Eigentlich. Doch dann kam alles anders.

Zunächst schien ja auch alles wunderbar: auf der Suche nach etwas Abwechslung und einem Ort, an dem ich mal auf fotografische Motivjagd gehen könnte, machte ich mich auf Richtung Kassel. Ja, ihr lest richtig: Kassel. Auch ich war voller Vorurteile über diese Stadt, in deren Genuss ich ja meist auch nur komme, wenn ich im Bahnhof Wilhelmshöhe Richtung Berlin umsteige. Der Bahnhof: furchtbar! Ungemütlich, unübersichtlich. Ich bin jedes Mal froh, wenn ich ihn wieder verlassen darf. Aber sollte das wirklich alles sein, was Kassel zu bieten hat?

Nein…natürlich nicht. Schon länger hatte ich von dem wunderbaren Schloss und dem angegliederten sog. „Bergpark“ gehört, der wohl angeblich sehr sehenswert sei. Das Wetter an diesem Sonntag schien wunderbar, ein paar Wolken zwar, aber ansonsten strahlend blauer Himmel. Somit stieg ich kurzentschlossen in den IC nach Kassel und war in einer Stunde dort.

Kaum auf dem Bahnhofsvorplatz war ich zunächst skeptisch. So viel schöner als der Bahnhof war dieser wahrlich nicht. Architektonisch wirkte in dieser Stadt irgendwie alles ziemlich zusammengewürfelt. Neben einem Haus im Fachwerkstil standen wiederum Betonklötze aus den 60ern. Alles nicht so wirklich zueinander passend. Also auf Richtung Schloss, das ich schon aus der Ferne leuchten sah!

Das Schloss Wilhelmshöhe wurde auf jeden Fall seinem Namen gerecht. Man musste einen ziemlich steilen Hügel hoch, aber wer die Marburger Berge kennt, dem macht dies auch nichts mehr aus. Außerdem wurde man oben mit einem wunderbaren Ausblick über die Stadt belohnt. Ich lief dann noch eine Weile im Park umher, besuchte die „pseudo -mittelalterliche“ Löwenburg (dieser Ausdruck ist nicht von mir! Das stand tatsächlich so auf der Infotafel!). Das eigentliche Kasseler Wahrzeichen, den Herkules, sparte ich mir dann doch. Ich hatte auch einfach vergessen, meine Wanderstiefel einzupacken 😉

Langsam zogen schon Wolken auf. Ich setzte mich trotzdem noch auf die Wiese um in dieser sehr passenden Atmosphäre (Schlossatmosphäre und so ;)) meinen neuesten Lieblingswälzer weiterzulesen. Die Wolken kamen immer näher. Der Park wurde plötzlich immer leerer. Da mein Zug sowieso erst in über einer Stunde kommen würde, blieb ich noch weiter sitzen. Nein…es würde doch nicht anfangen zu regnen! Und selbst wenn..wozu gibt es Regenschirme?

„Herrlich, diese Lichtverhältnisse. Das sieht auf den Fotos sicher wunderbar aus!“, sprach mich eine ältere Dame an, als ich die herannahende Gewitterfront (die selbst ich als Optimist langsam nicht mehr leugnen konnte) mit meiner Kamera fotografierte.

Als es dann wirklich anfing zu regnen, machte ich mich schließlich doch auf Richtung Bahnhof. Ein Blick auf die Anzeigetafel in der Bahnhofsvorhalle ließ schon Böses erahnen: So gut wie alle Züge wurden „wegen einer Signalstörung“ als um circa 30-60 Minuten verspätet angezeigt. Mein Zug stand noch nicht dran. Weitestgehend positiv gestimmt, ging ich also zu meinem Gleis: „Ach, das wird schon!“

So weit, so schön. Wer einen positiv gesinnten Blogeintrag lesen wollte, sollte an dieser Stelle aufhören zu lesen.

————

Also gut.. mein Zug nach Marburg schien zunächst keine wirkliche Verspätung zu haben. 5 Minuten. Aber was ist das schon bei der Deutschen Bahn? Doch zu früh gefreut! Kaum im Zug kam eine Durchsage: „Die Strecke zwischen Wabern und Treysa ist aufgrund von Sturmschäden gesperrt. Dieser Zug fährt nur bis Wabern. Dort besteht dann Anschluss an einen Bus.“ Klingt einfach. Ist es aber nicht.

Die Bahn wäre nicht die Bahn, wenn sie dieses Versprechen tatsächlich einlösen würde. In Wabern angekommen wusste niemand (also auch nicht die Bahnmitarbeiter) wo dieser Bus (der sowieso nie im Leben für alle Menschen im Zug reichen würde) eigentlich abfahren würde. So latschten wir mitten durch die schlammige Baustelle neben dem Bahnhof, zu irgendeiner dubiosen Bushaltestelle, wo es dann hieß: warten!

Nach bestimmt 40 Minuten kam doch dann tatsächlich mal ein Bahnmitarbeiter auf die Idee, nach den reichlich genervten und überall in der Gegend verstreuten Bahnreisenden Ausschau zu halten: „Tut mir Leid. Hier fährt kein Bus. Der fährt da hinten um die Ecke.“ Also wieder in einer Riesengruppe zu der besagten Bushaltestelle gelatscht. Wo dann natürlich auch der Bus auf sich warten ließ. Es kam und kam einfach keiner. Und das mitten in der Pampa… da war ich also. Gestrandet in der tiefsten hessischen Provinz. In irgendeinem Kaff namens Wabern, in dem es nicht mal ein offenes Café oder eine Bäckerei zu geben schien. Sonntag eben. Alles zu. Dramatisch und sehr passend dazu fing es wieder an, in Strömen zu regnen und ich ärgerte mich über meine undurchdachte Kleiderwahl, ein dünnes Sommerkleidchen und Sommerschuhe, und den ungeheuren Leichtsinn, keinen Proviant eingepackt zu haben. Aber wer konnte auch ahnen, dass man an diesem Tag noch irgendwo mitten im Nichts landen würde?

Und dann diese bleierne Zeit des Wartens und die Ungewissheit: Würde hier heute tatsächlich noch ein Bus kommen? Die Bahn schien es ja nicht einmal hinzubekommen, ihre Fahrgäste über den Standort der „Bushaltestelle“ (eigentlich nur eine Landstraße?!) zu informieren. Dass die Bahn für das Gewitter nichts konnte, war ja schon klar. Aber dass man seine Kunden so dermaßen im Stich lässt…unfassbar! In Gedanken sah ich mich schon in einem Kuhstall nächtigen.

Doch dann kam er. War es wirklich keine Fata Morgana? Die Leute um mich herum brachen in Jubel aus. Nein..tatsächlich. Dort hinten kam ein Bus angefahren! Ziemlich klein zwar, aber immerhin: Ein Bus! Mit Schnelligkeit und einer gehörigen Portion Geschick galt es nun einen Platz in genau diesem Bus zu ergattern. Ich bin glücklicherweise klein und kompakt und zudem geübt im Drängeln, sodass mir das glücklicherweise gelang. Eingequetscht zwischen Kinderwagen und vielen, vielen genervten Fahrgästen setzten wir also unsere Fahrt fort. Nach Treysa. Ein weiteres Kaff irgendwo auf dem Weg Richtung Marburg. Auf der Busfahrt wurden eifrig Bahnstories ausgetauscht (davon schien es ZIEMLICH viele zu geben). Eine Mittzwanzigerin begann: „Boah, ich war schon mal im letztem Sommer drei Stunden in einem Zug eingesperrt! Der fuhr einfach nicht weiter. Und aussteigen durften wir auch nicht! Aber immerhin – die Getränke im Bordbistro waren dann kostenlos.“ Und eine ältere Frau mit Gehstock wetterte: „So eine Unverschämtheit! Ich war mal in Spanien…da hatten die innerhalb von ‘ner halben Stunde fünf Busse zur Verfügung gestellt und nicht nur so einen Mickrigen wie unseren!“ Wirklich tröstend waren diese Geschichten zwar alle nicht, denn sie änderten ja rein gar nichts an der Situation. Aber irgendwie schien sich ein Gemeinschaftsgefühl herauszubilden: Gemeinsam schimpfen gegen die Unfähigkeit der Deutschen Bahn! Lautstark seinen Frust raus lassen tut halt im ersten Moment auch gut.

Ich verfluchte mich innerlich schon längst für die blöde Idee genau an diesem Sonntag, genau bei diesem „Unwetter“, was sich ja wirklich überhaupt nicht angedeutet zu haben schien, nach Kassel gefahren zu sein. Das hatte ich also davon, mal was Neues zu sehen und aus meiner Wehrdaer Dorfidylle ausbrechen zu wollen!

Nach einer gefühlten Stunde (ca. 20 Minuten in Echtzeit) im engen Bus, waren wir dann endlich in Treysa. Auch hier herrschte das reinste Chaos. Unter dem Bahnhofsdach schienen sich die Leute schon zu stapeln. Aber immerhin. Irgendwann in geraumer Zeit sollte hier tatsächlich ein Zug Richtung Frankfurt fahren. Wow! Dieser kam dann tatsächlich (pünktlich! unglaublich!) und so verlief die restliche Fahrt weitestgehend störungsfrei. Wie viel Zeit (fast 4 Stunden!) und Nerven mich die kleine Strecke zwischen Kassel und Marburg letztendlich gekostet hat, das verdränge ich an dieser Stelle lieber schnell. Mein Fotoausflug nach Kassel war trotzdem schön…hätte vielleicht aber einfach an einem anderen Tag unternommen werden müssen. Aber hinterher ist man bekanntlich sowieso immer schlauer…

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